Die besondere Lage des Weilers Nohl – politisch und
geografisch eingeklemmt zwischen Deutschland
(Baden-Württemberg, früher
Grossherzogtum Baden) und den Kantonen Schaffhausen und Zürich, sowie die Lage
am Rhein direkt unterhalb vom Rheinfall, führte schon früh zu urkundlichen
Erwähnungen.
Zahlreiche Streitigkeiten über Grenzen, Gerichtsbarkeit, Steuern,
Abgaben, Fischereirechte und die Schifffahrt sind in alten Dokumenten
festgehalten.
Nohl gehörte hoheitlich 1470 zur Landschaft Klettgau,
stand unter dem Hochgericht Stühlingen und wurde von den Grafen von Sulz
regiert. Bereits damals hatte Zürich die niedere Gerichtsbarkeit besessen.
1652 mussten die Grafen von Sulz das Dorf Nohl an den
Stand Zürich verkaufen.
Der überschwängliche Lebensstil der Grafen führte dazu,
dass diese immer neue Anleihebegehren bei der Stadt Zürich, sowie bei privaten
Geldgebern stellten. Nachdem sich die Grafen ausserstande sahen, die hohen
Schulden und die Zinsen bei der Stadt Zürich zurückzuzahlen, blieb nur noch ein
Verkauf von Ländereien. Die Schuld bei Zürich erreichte die für damalige
Verhältnisse enorme Summe von 30'000 Gulden. Kaiser Ferdinand der Dritte
erteilte schlussendlich die Bewilligung zum Verkauf des Rafzerfeldes und des
Weilers Nohl an Zürich.
Der am 13. Februar 1652 in Zürich abgeschlossene
Kaufvertrag wird noch heute im Staatsarchiv des Kantons Zürich aufbewahrt.
Speziell erwähnenswert ist die Grenzziehung auf dem
Nohlbuck, wo die Grenze seit jeher direkt vor den dortigen Häusern verläuft.
Mit dem Grenzbereinigungsvertrag zwischen der Schweiz und dem Grossherzogtum
Baden wurde 1839 die Landesgrenze vermarkt.
Die Kantonsverfassung von 1831 legte weitgehend die
Basis für unser heutiges Verfassungs- und Gerichtswesen.
Die Regeneration von
1830/31 brachte auch den Begriff der «Politischen Gemeinde» mit sich. Davor
hatten lediglich die Bewohner der alten Dorfgemeinden ein Bürgerrecht. Die
Einwohner der Höfe und Weiler waren sozusagen «heimatlos». Im Zuge dieser
Regeneration wurden 1831 der Nohl, Laufen und der Mörlen mit Uhwiesen vereint.
Nohl hiess damals Urfar, Uhrfahr, Urfall, Urfal oder Urfa.
Urfar bedeutet ein Ort, wo man einen Fluss überqueren kann, mit Fähren oder
Weidlingen. 1493 bestand der Weiler aus drei Höfen, die verschiedenen
Gutsherren gehörten.
Die erste urkundliche Erwähnung der Ortschaft Urfar
(Vruar) findet sich im «Randenburger Einnahmenrodel» um 1300. Namentlich
erwähnt werden die Abgaben, welche die Herren von Urfahr zu entrichten haben.
Woher aber kommt der Name Nohl? Aus alten Dokumenten
wissen wir, dass der heutige Ortsname Nohl jüngeren Datums ist.
Bei der
Bezeichnung Nohl vermutet man, dass sich diese Bezeichnung sprachlich aus
«Knoll» = kleiner Berghügel oder Buckel, Buck entwickelt hat. Daraus ergaben
sich dann die Schreibweisen Noll, Nollen, Nol, Nool und schlussendlich Nohl.
Die Bewohner von Urfahr werden in alten Dokumenten häufig als die Nollen oder
Nolen genannt, oft auch die Nol von Urfahr.
Es ist also erwiesen, dass der
Geschlechtsname Nol/Nohl vor dem Ortsnamen existierte. Eine erste Erwähnung des
Familiennamens Nol ist in einem Brief von 1392 nachgewiesen. Im Taufregister
Laufen wird 1678 auf derselben Seite die Ortsbezeichnung «Urfahl» und «Nool»
verwendet.
Die Nohler oder die Nöhleren waren bis ins späte 19.
Jahrhundert die Schiffer, Fischer und Flösser auf dem Rhein unterhalb des
Rheinfalls. Die entsprechenden Rechte wurden ihnen vertraglich zugesichert. Die
Bewohner vom Nohl lebten somit vor allem von der Schifffahrt und dem Lachsfang,
sowie ein wenig vom Rebbau, der Viehzucht und später auch vom Steinbruch. Die
Gemarkung des aus ursprünglich drei Höfen gebildeten Urfars war äusserst
schmal, denn sie umfasste nur die Halde entlang dem Rhein.
Wer Getreideanbau
betreiben wollte, musste sich bereits damals Äcker auf dem Boden von Altenburg
zulegen.
Die Nöhleren Schiffsleute
Die Schifffahrt und der Lachsfang waren die
Hauptverdienstquellen der Nohler. Die Güter, vor allem Salz- und Kornfässer aus
Bayern und aus dem Tirol, kamen über den Bodensee den Rhein hinunter bis nach
Schaffhausen. Rund zwei Drittel des gesamten Salzes welches die
Eidgenossenschaft benötigte, kam über den Rhein. Historiker schätzen, dass der
Salzverbrauch der Schweiz um 1500 rund 16'000 bis 20’000 Tonnen betrug. Schaffhausen profitierte in dieser Zeit sehr
stark von den Zöllen und blühte regelrecht auf.
Beim Salzstadel wurde die Ware
auf Fuhrwerke umgeladen und beim Fronwagturm gewogen und verzollt. Weiter ging
die Reise über die Breite, am Schloss Scharlottenfels vorbei nach Neuhausen und
da die Scheibengasse (heute Rheinfallstrasse) hinunter zum Werd (heute
Schlösschen Wörth). Dort übernahmen die Nohler und andere Schiffsleute die
Waren und luden diese auf ihre Boote um.
Die zum Warentransport verwendeten Schiffe waren
schmale Ledischiffe, sogenannte Lädinen. Diese hatten eine ähnliche Form wie
die heutigen Weidlinge, waren aber breiter und wurden auf dem Bodensee sogar
mit einem Segel bestückt. Die Boote mussten wegen den damals noch zahlreich
vorhandenen Untiefen und Stromschnellen gut manövrierbar sein. Gewöhnlich
wurden zwei oder drei Ledischiffe mit quer gelegten Holzleitern mit Ketten und
Stricken zusammengebunden.
Zur Bedienung waren drei bis sechs Mann pro Gefährt
notwendig. Der Schiffsmeister, der Steuermann und ein bis drei Schiffsleute, je
nach wie viele Lädinen zusammengebunden wurden. Die Ledischiffe durften auch
nicht zu gross sein, mussten sie doch nach dem Ablad wieder den Fluss
hochgezogen werden. Dies erfolgte durch Pferdegespanne oder wo es nicht anders
ging auch durch die Schiffsleute selbst mit stacheln (schelten). Dass diese
Arbeit äusserst hart und gefährlich war, bezeugen die vielen Unglücksfälle mit
Toten und Verletzten.
Eine Plage für die Schifffahrt auf dem Rhein bildeten
bis 1839 die Zölle und Gebühren für Umladung und Begleitung der Fracht. So
wurden Zölle erhoben in Stein am Rhein, Diessenhofen, Schaffhausen, im Werd
(Wörth), in Rheinau, Eglisau, Kaiserstuhl, Koblenz, Waldshut, Säckingen,
Rheinfelden und Hauenstein. Anfangs des 17. Jahrhunderts nahm der Handel von
Schaffhausen rheinabwärts einen ungeahnten Aufschwung.
Die Zölle in
Schaffhausen waren der Regierung von Zürich schon lange ein Dorn im Auge (siehe
auch Nohlerhandel). Zürich drohte damit, die für Zürich bestimmten Waren
direkt, vom damals noch zürcherischen Stein am Rhein, auf dem Landweg nach
Ellikon am Rhein zu transportieren. Diese Drohung wurde später zeitweise
verwirklicht und damit wuchs der Druck auf Schaffhausen. Der Landweg von Stein
am Rhein nach Ellikon am Rhein war aber sehr holprig und äusserst beschwerlich.
Insbesondere Melchior Steiner, Handelsherr aus Winterthur benutzte den Landweg
von Stein am Rhein nach Ellikon und umging so die Zölle und Lagergebühren in
Schaffhausen. Damit konnte er das «weisse Gold» deutlich günstiger anbieten,
was ihn bei der Bevölkerung sehr beliebt machte. Damals musste eine Familie für
den jährlichen Salzbedarf drei Taglöhne aufbringen – heute arbeitet man dafür
nicht einmal mehr eine Stunde. Es waren vor allem die Zölle und Transportkosten
die das Salz so teuer machten.
So verdoppelte sich der Salzpreis bis an den
Bodensee und in der Innerschweiz war das weisse Gold bereits fünfmal teurer als
am Ursprungsort.
Das Nohl war bis 1956 nur durch eine Fähre mit dem
übrigen Teil der Gemeinde Laufen-Uhwiesen verbunden. Bereits 1557 wurden die
Nohler verpflichtet, Leute über den Rhein ans andere Ufer zu führen.
Die Nohler waren stets nach Laufen kirchgenössig und
mussten ihre Täuflinge und Toten über den Rhein dorthin bringen. Jeweils vier
Männer trugen den blumengeschmückten Sarg zur Fähre und anschliessend den
steilen Weg hinauf zur Kirche Laufen.
Im
Gefolge des Kraftwerkbaus in Rheinau und der Rheinstauung bis zum
Rheinfallbecken wurde 1956 ein Betonsteg für Fussgänger und den Kleinverkehr
erbaut.
Der Nohlerhandel aus dem Jahre 1725 ist ein
Grenzstreit zwischen Zürich und Schaffhausen. Er betraf das «Fischerhölzli» im
«Urfer», unterhalb vom Schlösschen Wörth («stosst unden an den Rhein, oben an
der Gmeind Neuhausen, Feld im Otterstall genannt, abwärts an die Noler Güter»).
Beim Nohlerhandel geht es um einen Versuch der Zürcher,
ein Embargo der Schaffhauser zu umgehen und um Zölle zu sparen. Der Streit
begann damit, dass die Schaffhauser Regierung die schwäbischen Kornfuhren nicht
mehr zum Schlösschen Wörth durchlassen wollte, ohne dass diese in der Stadt
umgeladen und verzollt wurden. Den Schiffleuten und dem Zürcher Kornmarkt wurde
mit dieser Blockade empfindlicher Schaden zugefügt.
Da Schaffhausen auf die
Beschwerde der Zürcher Regierung nicht einging, kam diese auf die Idee, die
Waren künftig direkt nach dem Nohl zu führen und dort zu verladen. Um jedoch an
den Rhein zu gelangen, musste zuerst die Strasse im Fischerhölzli ausgebaut
werden (Strasse zwischen heutigem Rheinfallparkplatz 4 und dem
Rundbuck/Otterstall). Die Nohler boten zu diesem Kuhhandel natürlich gerne Hand
und machten sich sofort mit Eifer an die Arbeit.
Am 4. Juli 1725 erschien jedoch der Zunftmeister
Stimmer aus Schaffhausen mit fünfzehn Mann, die alle mit Hacken und Hauen
bewaffnet waren um das Werk zum Stillstand zu bringen.
Die Nohler wichen einer
tätlichen Auseinandersetzung aus und berichteten den Vorfall dem Obervogt. Am
nächsten Tag bereits erschienen einige Mitglieder des Schaffhauer Kleinen
Rates, diesmal mit etwa fünfzig Mann. Sie zerstörten das begonnene Werk und
sparten nicht mit Beschimpfungen und Drohungen gegen die Nohler.
Wie konnte es zu dieser Auseinandersetzung kommen? Die
Schaffhauser waren überzeugt, dass das strittige Wegstück auf ihrem und nicht
auf Zürcher Hoheitsgebiet lag. Die Zürcher andererseits waren der Meinung, dass
sie die Hoheit über diesen Flecken im Jahre 1651 vom Grafen Sulz erworben
haben. Schriftlich und mündlich wurde daraufhin intensiv verhandelt.
Schlussendlich stellte sich heraus, dass der Graf von Sulz die Hoheit über
dieses Stück Land an Zürich verkaufte, obwohl es bereits in den Schaffhauser Niedergerichten
lag. Als der Graf von Sulz im Jahre 1657 die Landeshoheit über die Herrschaft
Wörth an Schaffhausen veräusserte, verkaufte er, ohne es zu merken, auch gleich
noch die hoheitlichen Rechte über diesen Gebietsfetzen an Schaffhausen. Damit
war die Zugehörigkeit endgültig besiegelt und gilt auch heute noch. Die Zürcher
Obrigkeit versuchte auch noch 1727 «freundeidgenössisch» die Aufhebung des
Transitverbotes, respektive die Verzollungspflicht zu erreichen, was aber nicht
gelang.
Dass die Schifffahrt und Flösserei auf dem Rhein
aufgrund von Klippen, Strudeln und Stromschnellen nicht ganz ungefährlich war,
bezeugen die vielen Unglücksfälle mit gesunkenen Schiffen und zahlreichen Todesfällen
bei den Schiffsleuten. Dies vor allem auch deshalb, weil die meisten nicht
schwimmen konnten.
Im frühen 18. Jahrhundert kam zu den bisherigen
Erwerbsquellen eine neue Einnahme dazu. Der Nohler Steinbruch erlebte durch den
Bau der Klosterkirche Rheinau, die der Abt Gerold II. Zurlauben erbauen liess,
eine wahre Hochkonjunktur.
Das Gotteshaus ging im Jahre 1706 mit Johannes Nohl
einen Akkord ein, wonach dieser aus seinem Steinbruch im Nohl eintausend
Weidlinge voll Steine nach Rheinau liefern sollte. Als Entschädigung wurden 500
Gulden in Geld, ein Mütt Kernen und ein Saum Wein vereinbart. Sechs Jahre
später – man nahm den Neubau des östlichen Flügels des Konventgebäudes in
Angriff – schloss das Kloster mit Matthäus Nohl einen Vertrag, laut welchem
dieser dem Gotteshaus den Steinbruch überliess, und zwar gegen 6 Kreuzer für
jede weggeführte Schiffsladung voll Steine.
Auch später gab es Lieferungen von Baumaterial aus dem
Nohl. So z.B. um 1755 für die Friedhofmauer in Marthalen und 1790 für eine
grössere Kirchenrenovation am gleichen Ort. Die Überreste eines der Steinbrüche
sind noch heute am Dorfausgang unterhalb der Strasse Richtung Altenburg
ersichtlich.
Ab 1837 wurde in Pratteln-Schweizerhalle erstmals
einheimisches Salz gefördert. Friedrich Glenk entdeckte das grosse
Salzvorkommen. Glenk hatte davor bereits an 16 anderen Standorten nach Salz
gebohrt, unter anderem in Eglisau, Schleitheim und Beggingen.
Das einheimische
Salzvorkommen aber auch der Bau der Eisenbahn und der Kraftwerke hatte
dramatische Auswirkungen auf die Lebensgrundlage der Nohler. Durch den Wegfall
der Schifffahrt und des Lachsfangs verminderten sich die Arbeits- und
Verdienstmöglichkeiten im Dorf markant. Zudem stieg anfangs bis Mitte des 19.
Jahrhunderts die Kinderzahl pro Familie stark an. Die Armut war gross.
Die
engen Wohnverhältnisse und die mangelnde Hygiene führten zu einer grossen
Sterblichkeit bei Frauen und Kindern. In der Zeit von 1845 bis 1872 wanderten
aufgrund der grossen Not ein Drittel der Wohnbevölkerung aus dem Nohl in die
USA aus.
Hunderte Nachkommen dieser Auswanderer mit dem Namen Nohl konnten bei Recherchen
in den USA ausfindig gemacht werden.